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Das Liebesgedicht in Welt und Zeit
 





         Französische Liebeslyrik


An Dinon

Wenn ich euch sagte, was ich für euch fühle,
Blauäugig Weib, was sagtet ihr? Wer weiß!
Ihr kennt des Liebesschmerzes dumpfe Schwüle,
Die Pein, als ob ein Geist das Hirn zerwühle, -
Ihr gäbt vielleicht mich dennoch zürnend preis.

Wenn ich euch sagte, wie seit langen Wochen
Wahnsinn'ge Sehnsucht meine Qual verstärkt, -
Ninon, ihr dürf't auf eure Schlauheit pochen,
Ihr ratet, was noch gar nicht ausgesprochen, -
Und riefet kühn vielleicht: Ich hab's bemerkt!

Wenn ich euch sagte, dass ich wie ein Schatten
Mich an euch hefte in der Liebe Licht, -
Ihr wisst, wie gut euch Schwermut kommt zu statten.
Und eurem Blick ein schmerzliches Ermatten, -
Ein Seufzer rief' vielleicht, ihr glaubt es nicht.

Wenn ich euch sagte, wie mir lieb und teuer
Von euren Lippen das geringste Wort, -
Wer nicht vor euch in Ehrfurcht steht, in scheuer,
Den trifft aus eurem Aug' des Blitzes Feuer, -
Ihr wieset mich vielleicht streng von euch fort.

Wenn ich euch sagte, wie mir Tränen fließen,
Wie Nacht für Nacht mich Eifersucht beschleicht, -
Mag euer Mund ein Lächeln nur erschließen,
So glauben Falter, dass dort Blumen sprießen,
Ihr wisst's - und lachet über mich vielleicht.

Allein ich sag' euch nichts! Mir soll's genügen,
Mit euch zu plaudern bei der Lampe Schein.
Ich schwelg' in euren Worten, euren Zügen, -
Und mögt ihr's ahnen, es bespötteln, rügen,
Gleich wonnig wird mir euer Anblick sein.

Ich träumte mir ein Reich von Wunderdingen:
Wenn ich euch abends am Piano schau',
Dann hör' ich eure Zauberhände singen, -
Und darf ich euch im Walzerwirbel schwingen,
Ist mir's, als hielt' ich die besiegte Frau.

Und nachts, wenn ich zu scheiden bin gezwungen,
Stürz' ich nach Haus und schieb' den Riegel vor, -
Der Schatz, den zu erhaschen mit gelungen,
Ein Duft der süßesten Erinnerungen
Quillt aus dem Herzen ungehemmt empor.

Ich liebe, doch ich weiß mich zu bezähmen.
Ich liebe, - keinem sei es kundgetan.
Mein Leid ist groß, doch lass ich mir's nicht nehmen.
Ich liebe, wunschlos - nichts als einen Schemen,
Und bin doch glücklich, denn ich darf euch nah'n.

Nicht meines Bleibens ist im Glück-Asyle,
Ich darf nicht um euch werben, kühn und heiß,
Nicht sterben auf dem wonnesamsten Pfühle. - -
Wenn ich euch sagte, was ich für euch fühle,
Blauäugig Weib, was sagtet ihr? - Wer weiß! . . .


Alfred de Musset - 1810 - 1857

Übersetzer: Sigmar Mehring 1856 - 1915


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