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Das Liebesgedicht in Welt und Zeit
 





         Französische Liebeslyrik


Eine Feige

Wenn ihr es gern erfahren wollt,
Wie ich erhascht hab' eine Feige, -
Ich künd' es, dass ihr lachen sollt . . .
Wenn ihr es gern erfahren wollt.
Die Liebe ist der Jugend hold,
So sehr sie sich auch naschhaft zeige.
Nun hört, wenn ihr erfahren wollt,
Wie ich erhascht hab' eine Feige.

Mein Oheim zog viel Obst im Land,
Mich aber zog mein liebes Bäschen.
Wir gingen gerne Hand in Hand.
Mein Oheim zog viel Obst im Land,
Es naschten dran höchst arrogant
Die kleinen Vögel, die gefräß'gen.
Mein Oheim zog viel Obst im Land,
Mich aber zog mein liebes Bäschen.

So promenierten wir einmal
In einer frühen Morgenstunde,
Ganz ohne Absicht, ohne Wahl . . .
So promenierten wir einmal.
Und bunte Vögel ohne Zahl
Umträllerten uns in der Runde.
So promenierten wir einmal
In einer frühen Morgenstunde.

Das sang und klang und flog und sprang
Von Busch zu Busch, von Zweig zu Zweigen,
Im Äther und im Laubengang!
Das sang und klang und flog und sprang.
Und Blume selbst und Blattgerank,
Sie wippten lustig wie zum Reigen.
Das sang und klang und flog und sprang
Von Busch zu Busch, von Zweig zu Zweigen.

Mein Bäschen in dem Gartenhut,
Treuherzig, lieblich zum entzücken,
Tanzt mit und tollt voll Übermut, -
Mein Bäschen in dem Gartenhut!
Und mir im Herzen wallt das Blut.
Sie neckt und will mir flink entrücken,
Mein Bäschen in dem Gartenhut,
Treuherzig, lieblich zum entzücken.

Husch! hinter einem Feigenbaum
Versteckt sie sich, - selbst eine Feige!
Es trennt uns nur ein kleiner Raum.
Husch! hinter einem Feigenbaum!
Und ich, voll Glut, erwart' es kaum,
Dass ich mich wonnig zu ihr neige,
Husch! hinter einem Feigenbaum
Versteckt sie sich, - selbst eine Feige.

Ich trete drohend vor sie hin,
Da hab' ich auch schon - meine Feige!
O diese kleine Heuchlerin!
Ich trete drohend vor sie hin,
Mir ist so sonderbar zu Sinn,
Als ob ein Rausch zu Kopf mir steige.
Ich trete drohend vor sie hin,
Da hab' ich auch schon meine Feige!

Und - das ist alles, was geschah.
Ich gab mich mit der Frucht zufrieden.
Wohl etwas stutzig stand ich da,
Und das ist alles, was geschah . . .
So oft ich dann mein Bäschen sah,
Nie ward mir ähnliches beschieden.
Und das ist alles, was geschah. -
Ich gab mich mit der Frucht zufrieden.

Ihr Schönen, ist es euch auch klar,
Wie ich erhascht hab' eine Feige?
Denkt nur nicht etwas andres gar.
Ihr Schönen, ist es euch auch klar?
Was ich erzählte, stimmt aufs Haar,
Wenn ich - das schönste auch verschweige . . .
Ihr Schönen, ist es euch auch klar,
Wie ich erhascht hab' eine Feige?


Alphonse Daudet - 1840 - 1897

Übersetzer: Sigmar Mehring 1856 - 1915


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