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Das Liebesgedicht in Welt und Zeit
 





         Französische Liebeslyrik


Lass uns fliehn . . .

Lass uns fliehn in's Reich der Träume.
Wie du lockst, entführ' ich dich!
Hier zwei Zelter, die ich zäume.
Vöglein grüßen dich und mich.

Ich - dein Herr und deine Beute!
Komm, bald bricht die Nacht herein.
"Frohsinn" soll mein Renner heute,
Deiner soll "die Liebe" sein.

Eine Reise voll Genüsse!
Seit' an Seite trabt das Paar,
Statt des Hafers biet' ich Küsse
Unsern beiden Rösslein dar.

Wie sie stampfend vorwärts drängen!
Und schon seh' ich beide weit:
Meins das Tor der Sehnsucht sprengen,
Deins das Tor der Seeligkeit.

Etwas muss man mit sich tragen, -
Lieb war uns des Bündels Druck:
Recht viel Wünsche, einige Klagen
Und all' deiner Reize Schmuck.

Wie die frechen Spatzen höhnen!
Denn sie hören ganz genau
Meines Herzens Ketten tönen,
Die du wandelst still und schlau.

Braune Nacht umarmt die Eichen.
Und aus Buschwerk und Gesträuch
Tuschelt's mit geheimen Zeichen
Uns entgegen: Liebet euch!

Tief im Wald, im nächtlich feuchten, -
Komm! Sei lieb! Mich fasst ein Rausch.
Folg' dem Trieb, dem aufgescheuchten,
Komm zu süßem Wonnetausch.

Und es hält mit Klageliedern
Nachtigall vor Staunen ein.
Kirschen mit den weißen Gliedern
Tauchen auf und kichern fein.

Und sie wispern zu einander:
"Wir sind närrisch! Während dort
Hero lehnet an Leander,
Rinnt uns unser Bächlein fort."

Doch dem Sonnenland entgegen
Lustig weiter ziehen wir,
Und die Liebe bringt uns Segen:
Mir den Ruhm, den Reichtum dir.

Uns're Zauberrosse tragen
Uns empor zum Wolkenzelt,
Ins Gebiet uralter Sagen,
In die weite Flimmerwelt.

Gönnt ein Gasthaus wo uns Muse,
Zahlen wir für's kurze Glück:
Ich mit meinem Schülergruße,
Du mit deinem Mädchenblick.

Also sind wir zwei ein Pärchen;
Ich der Graf, die Herrin du!
Komm! wir raunen unser Märchen
Heute noch den Sternen zu.


Victor Hugo - 1802 - 1885

Übersetzer: Sigmar Mehring 1856 - 1915


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