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Das Liebesgedicht in Welt und Zeit
 





         Französische Liebeslyrik


Zur Zeit der Rebesblüte

In Blüte steh'n die Reben.
Heut wird' ich zwanzig Jahr!
wie schön ist doch das Leben, -
Es schäumt wie Most, den eben
Die Kelter frisch gebar.

Mich stacheln Hochgefühle, -
Sehnsucht und Tatendrang!
O lab' mich, Abendkühle!
Der Rebenduft, der schwüle,
Betäubt wie Zaubertrank.

Die Welt ist zum berücken!
Ach, hätt' ich nur den Mut,
Ich wollte voll Entzücken
Gleich jemand an mich drücken,
Und wär's ein junges Blut!

Just wie das Reh, das bange,
Flieh' ich zur Waldesnacht.
Mir glühen Stirn und Wange, -
Ich tilg' im Überschwange
Die ganze Brombeerpracht.

Da fühlt mein Mund so eigen,
Dass fremdes ihn durchzuckt',
Als wollt' aus Blütenzweige
Ein Rosenmund sich neigen
Zu süßem Lippendruck.

O Rausch! O Heimatsegen!
O Land voll Licht und Wein!
Welch' Blühen allerwegen!
Ich spür' ein seltsam Regen, -
Soll das die Liebe sein? . . .


Theophile Gautier - 1811 - 1872

Übersetzer: Sigmar Mehring 1856 - 1915


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