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Steckbrief auf den Eros
Also rief einst Kypris den Eros, das flüchtige Kind, aus:
"Wer auf Gassen und Wegen den Eros schweifen gesehn hat,
Wisst, mir ist entflohen; ein schönes Geschenk, wer ihn anzeigt!
Ja, ein Kuss von Kyprias Mund! und wer mir ihn einbringt
Soll nicht bloß mit dem Kuss, er soll noch mit Schönerem belohnt
sein!
Vieles an ihm fällt auf, aus zwanzigen kennt man den Knaben:
Glutrot eher als weiß die Farbe des Körpers, das Auge
Stechend und flammend, der Sinn voll Tücke, doch süß das
Geplauder
- Denn nie redet er so, wie er denkt - ; gleich Honig die Stimme,
Doch voll Galle das Herz und gefühllos; falsch und betörend
Ist die Rede des Knaben, und grausam spielt er mit Herzen.
Keck und verwegen die Stirn, umwallt von herrlichen Locken;
Klein und zierlich die Händchen, doch trifft er damit in die Ferne,
Trifft bis herunter zum Styx und ins Herz dem König der Schatten.
Nackt und bloß ist der Leib, doch sorglich verdeckt die Gesinnung.
Hurtig von einem zum andern enteilt er, beschwingt wie ein Vogel,
Flattert zu Männern und Frauen und nistet sich ein in den Busen.
Ist auch winzig der Bogen und über dem Bogen das Pfeilchen,
Ists auch nur ein Pfeilchen, es dringt doch hoch in den Äther.
Golden erglänzt an der Seite das Köcherchen; drinnen die schmerzlich
Bittere Rohre, womit er mich selbst so häufig verwundet.
Arg ist alles an ihm, doch nichts geht über die kleine
Fackel, womit ja der Knabe den Helios selber in Brand setzt.
Wer mir den Flüchtling greift, der bind ihn sonder Erbarmen;
Sieht er ihn weinen, so lass er sich nicht von dem Falschen berücken,
Lacht er, so schlepp er ihn fort und hüte sich wohl, die gebotenen
Küsse zu nehmen, denn schlimm ist der Kuss und giftig das Mündchen.
Spricht er vielleicht: Da nimm zum Geschenk mein sämtliches Rüstzeug.
Weh, wer den Köder berührt! durchglüht ist alles von
Feuer!"
Moschos - um 150 v. Chr.
Übersetzer: Jacob Achilles Mähly 1828 - 1902
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