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         Minnelieder der Minnesänger


Winterlied

Jetzt strebt der Feind der Blütenfülle,
Dass er sein Zürnen uns enthülle;
Hört, wie er fährt mit Sturmgebrülle
Hin übers Waldgefilde.
Es hält ihm niemand Widerpart,
Er greift mit Händen rau und hart
Die Blumen alle, bunt und zart
Und kennet keine milde.
Entblättert stehn die muntern Auen,
Die Vögel bergen sich alsbald;
Ihr helles Loblied ist verhallt,
Das macht der Winter grimm und kalt,
Doch ich sing meiner Frauen.

Sie ist so tugendlich und milde,
Von der ich trag das bild im Schilde;
Ein Röslein rot im Dorngefilde
Ist sie bei andern Frauen.
Im Herzen mein lebt sie fürwahr,
Sie ist an Tugend rein und klar,
Und wenn ich lebte tausend Jahr,
Kann sie genug nicht schauen.
Drum werb ich treu nach ihren Hulden;
Und nimmt sie mich zum Diener an,
Bin ich ein reich beglückter Mann;
Was ich an Heil gewinnen kann,
Das will ich wohl verschulden1

Sie ist so reich an edler Tugend,
Geschmückt mit Anmut und mit Jugend,
Und nicht nach anderm Ziele lugend
Will dienen ich der Einen!
Für sie allein schlägt in der Brust
Das Herz mir, ihr noch unbewusst,
Und dies nur trübt mir noch die Lust;
Doch wird ihrs bald erscheinen.
Wie rein und gut ist sie zu sehen;
Und wird mirs noch nicht zum Gewinn,
So denk ich doch in meinem sinn:
Wenn ich erst etwas dreister bin,
Dann werd ichs ihr gestehn!


Gösli von Ehenheim - um 1226 - 1250

Übersetzer: Richard Zoozmann 1863 - 1934


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