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         Römische Liebeslyrik


An Thaliarch

Im Wintergewande ragt auf zur Höh
Soraktes glänzender Gipfel.
Im Froste erstarrt ruht Fluss nun und See,
Und unter der Last von Eis und Schnee
Beugt traurig die Tanne den Wipfel.

Nun schnell im Kamine dir schüren lass
Die wärmenden flackernden Gluten,
Nun her mit dem freudenspendenden Nass,
Lass brechen aus dem Sabinerfass
Des Weines glühende Fluten!

Und was, Thaliarch, das Herz dir bedrückt,
Das musst du den Göttern vertrauen.
Dem Sturm, der heute die Wälder noch knickt,
Sich morgen keine Lilie mehr bückt -
Drum lass mich dich heiterer schauen.

Und jeglichen Tag als Gunst betracht,
So dir die Himmlischen schenken.
Auf! lustig gescherzt und geliebt und gelacht,
Denn wer in der Jugend nicht alt sich macht,
Wird niemals aufs Kommende denken.

Bald auch mit Flocken bist du bereift
Und winterlich wird dirs im Herzen.
Drum wer noch heute durch Marsfeld schweift,
Muss morgen, wenn Liebe das Herz ihm ergreift.
Schon wieder kosen und scherzen.

Der Liebsten versäume nicht nachzugehn
Zur nächtlich bestimmten Stunde.
Ihr Kichern verrät sie, du wirst sie erspähn,
Nicht kann sies in dämmriger Laube verschmähn,
Dich zu lieben aus Herzensgrunde!


Horaz (Q. Horatius Flaccus) - zwischen 65 bis 8 v. Chr.

Übersetzer: Richard Zoozmann 1863 - 1934



2. Übersetzung bzw. Nachdichtung:

Siehst du Soracte's Gipfel im hohen Schnee
Erglänzen? Ächzend unter der schweren Last
Hält kaum der Wald noch Stand; die Flüsse
Stehen gebannt von dem Grimm des Frostes.

So schichte reichlich über dem Herd das Holz,
Den Frost zu scheuchen, o Thaliarch, und lass
Vierjähr'gen Wein in vollen Strömen
Aus dem sabinischen Henkel fließen.

Das andre lass die Sorge der Götter sein:
Sobald ihr Nachtwort Stille dem Sturm gebeut,
Dem Wogentürmer, regungslos dann
Stehn die Cypressen und alten Eichen.

Lass ab zu forschen, was dir das Morgen bringt,
Schreib' in's Gewinnbuch jeden vom Schicksal dir
Geschenkten Tag und sei nicht spröde
Gegen den Reigen und Liebesfreuden,

So lang' du, Jüngling, blühst und des Alters Grau
Und Gram nicht kennst. Jetzt eile zum Tummelplatz
Des Spiels, zum Stelldichein, wo holde
Liebe verstohlen zur Nachtzeit flüstert.

Jetzt tönt verrätrisch aus dem Verstecke dort
Des Mädchens Kichern an dein entzücktes Ohr;
Du streifst vom Arm ihr oder Finger,
Sträub' er sich immer, ein Pfand der Liebe.


Horaz (Q. Horatius Flaccus) - zwischen 65 bis 8 v. Chr.

Übersetzer: Jacob Achilles Mähly 1828 - 1902


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