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Das Liebesgedicht in Welt und Zeit
 





         Liebeslieder der Troubadours


Hirtengedicht

Jüngst begegn ich bei der Linde
Einem kecken muntern Kinde,
Einer Schäferin Dorinde,
Einer rechten Maid vom Lande,
Wie an Hemd und Latz und Binde,
Grobem Strumpf und Schuh ich finde,
Und am drillichnen Gewande. -

Näher tret ich ihr geschwinde:
Mädchen, sprach ich, wohl nicht linde
Wird dein Haar zerzaust vom Winde.
"Junker", spricht die Maid vom Lande,
"Gott sei Dank, dass ich empfinde
Wenig von dem rauen Winde;
Ich bin nicht von Zuckerkande."

Mädchen, holde Mirabelle,
Sieh, ich komme hier zur Stelle,
Dass ich werde dein Geselle,
Du, o schöne Maid vom Lande.
Nicht darfst du auf alle Fälle
Schafe weiden fern am Quelle
So allein im ledigen Stande. -

"Welchen Wert hat ein Geselle,
So wie ihr, wird mir in Schnelle
Klar und offenbar und helle,
Junker," spricht die Maid vom Lande.
"Wer nicht bleibt an seiner Schelle;
Nehmt, o Herr, mein Wort zum Pfande."

Maid, von einem Kavaliere
Stammst du, der im Dorfreviere
Augen schuf dir von Saphire,
Du, o holde Maid vom Lande.
Doch, dass dich nur nicht regiere
Falsches Sprödigkeitsgeziere,
Denn das zeugt nicht von Verstande. -

"Nie in städtischem Quartiere
Lebte mein Geschlecht; beim Stiere
Nur und Schaf im Dorfreviere,
Junker," spricht die Maid vom Lande.
"Und dass Baur und Hirt hantiere,
Statt zu gehen zum Tuniere,
Dient auch ihnen nicht zur Schande."

Eine Fee hat dir gegeben
Schönheit, die mich macht erbeben,
Mädchen, als du tratst ins Leben,
Mehr als sonstiger Maid vom Lande.
Doppelt würd ich dich erheben,
Dürft ich innig dir umweben
Meiner Arme Liebesbande. -

"Danke euerm Lobbestreben!
Doch ich sag euch auch daneben,
Dass es mich gelangweilt eben,
Junker," spricht die Maid vom Lande.
"Ei, so muss ich das erleben,
Dass man führt an Hirtenstäben
Stadtherrn und am Gängelbande."

Mädchen, solch ein Herz von Steine
Trägst du, hoff ich, nur zum Scheine.
Unterwegs, wie ich vermeine,
Bringt man eine Maid vom Lande
Wohl zu lieblichem Vereine.
Du wirst mein und ich der Deine!
Das heißt handeln mit Verstande. -

"Herr, ich seh, ihr sparet keine
Huldigung, so grob als feine,
Um zu lenken an der Leine,
Junker, solche Maid vom Lande.
Eurer Reden doch nicht eine
Lockt mich, zu verkaufen meine
Reine Mädchenschaft der Schande."

Die Geschöpfe allerwegen
siehst du süße Liebe hegen;
Lass drum uns auch ihrer pflegen,
Mich und dich du Maid vom Lande.
Sei nicht länger mir entgegen;
Komm, wir sind in Hains Gehegen
Sicher dort an Baches Rande. -

"Ja doch komme sich entgegen
gleich und gleich! Das wollt erwägen!
Herr und Dame, das bringt Segen,
Bauer auch Maid vom Lande.
Hack und Karst passt nicht zum Degen,
Heller Himmel nicht zum Regen,
Weizen wächst nicht auf dem Sande."

Schöne Maid, nicht zu bewegen
Bist du denn, und mir entgegen,
Wie ichs traf in keinem Lande! -
"Herr, lebt wohl! Ihr wart verwegen.
Säumt nicht länger meinetwegen
Und Gott helf euch zu Verstande!"


Marcabrun - 1140 - 1185

Übersetzer: Karl Ludwig Kannegießer 1781 - 1864


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